{"id":1932,"date":"2015-11-08T14:30:43","date_gmt":"2015-11-08T13:30:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.european-arachnology.org\/wdp\/?p=1932"},"modified":"2015-11-09T13:55:49","modified_gmt":"2015-11-09T12:55:49","slug":"spider-of-the-year-2009-de","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/european-arachnology.org\/esa\/?p=1932","title":{"rendered":"Spider of the year 2009 \u2013 DE"},"content":{"rendered":"<h4>Europ\u00e4ische Spinne des Jahres 2009<\/h4>\n<p>Die Dreiecksspinne \u2013 <em>Hyptiotes paradoxus<\/em> C.L. Koch 1843<\/p>\n<p>Wahrscheinlich jeder kennt das typische Radnetz der Kreuzspinne. Auch ist allgemein bekannt, dass die Natur \u00fcber die Jahrmillionen Organismen und ihre Verhaltensweise in zum Teil bizarrer Art und Weise ver\u00e4ndert. Die Spinne des Jahres 2009 zeigt uns, wie DAS Spinnennetz schlechthin zu einem raffinierten Fangutensil umgestaltet wurde.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst aber: der Protagonist ist unscheinbar klein (3\u20136 mm K\u00f6rperl\u00e4nge), unscheinbar gef\u00e4rbt (hellgrau, br\u00e4unlich oder dunkler, meist mit Muster aus hellen, z.T. gefiederten Haaren) und lebt versteckt (haupts\u00e4chlich in Nadelforsten zwischen trockenen Zweigen im Waldesinneren). Die Spinne ist auff\u00e4llig gedrungen, sowohl K\u00f6rper als auch Beine, und in ihrem Lebensraum hervorragend getarnt. Der Hinterleib ist dreieckig hochgew\u00f6lbt, und man k\u00f6nnte meinen, dass er entscheidend bei der Namensgebung war. Aber da ist noch das Netz, welches die Spinne am ehesten verr\u00e4t. Geht man durch eine Fichtenschonung, \u00fcberl\u00e4sst man am besten der gegenscheinenden Sonne die Aufgabe, die etwa 20 cm gro\u00dfen Netze zu enttarnen: diese bestehen aus lediglich vier Radialf\u00e4den und den dazwischen aufgespannten Fangf\u00e4den, also aus drei Teilsegmenten eines Radnetzes. Gehalten wird das Netz von einem Rahmenfaden und auf der Gegenseite von einem der Nabe entspringenden Signalfaden. Insgesamt erscheint es so wie ein seidenes Dreieck. <i>Hyptiotes<\/i> selbst hat sozusagen die F\u00e4den in der Hand, lauert zwischen Nabe und Anheftungspunkt als lebendes Zwischenst\u00fcck in den Signalfaden eingebaut. Ger\u00e4t ein Insekt in die Fangf\u00e4den, l\u00e4sst die Spinne ruckartig die Falle zuschnappen, indem sie den Faden hinter sich verl\u00e4ngert und so die Spannung des Netzes verringert. Auf diese Weise schlagen \u00fcber der Beute die Fangf\u00e4den zusammen, so dass die Netzinhaberin anschlie\u00dfend ein leichtes Spiel hat.<\/p>\n<p>F\u00fcr Spinnen-Phobiker ist diese Art der Silberstreif am Horizont, denn wie alle Vertreter der Kr\u00e4uselradnetzspinnen (Familie Uloboridae; in Deutschland gibt es zwei weitere Arten) besitzt die Dreiecksspinne keinerlei Giftdr\u00fcsen. Auch diese wurden \u2014 wie schon das Radnetz \u2014 im Laufe der Evolution reduziert. Die Beute wird zu einem bewegungsunf\u00e4higen Klumpen eingesponnen. Beim Verdauen der Beute muss nun zun\u00e4chst die Seide verdaut werden, um an die Nahrungsstoffe der Beute zu gelangen \u2014 dies geschieht wie bei allen Spinnen mit einer Verdauung vor dem Munde.<\/p>\n<p>Eine weitere Besonderheit, die sich die Dreiecksspinne mit etwa 50 Spinnenarten in Europa teilt, ist die Kr\u00e4uselfangwolle. F\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis derselben ist der Aufbau der Spinnwarzen wichtig darzustellen: F\u00fcr gew\u00f6hnlich haben Spinnen sechs Spinnwarzen, das sind kurze, durch Reduktion von Gliedma\u00dfen entstandene Anh\u00e4nge am Ende des Hinterleibs. Auf diesen Spinnwarzen sitzen Spinnspulen, die in Verbindung mit den Spinndr\u00fcsen im K\u00f6rperinneren stehen. Aus diesen Spulen tritt die Seide aus und wird z. B. als Rahmenfaden oder Kokonfaden verwendet. Die cribellaten Spinnen haben zus\u00e4tzlich zu diesen sechs Spinnwarzen ein Spinnsieb, welches direkt vor den Spinnwarzen liegt. Es gilt als Homolog zu einem vierten Paar Spinnwarzen, das bei den Vorfahren der Spinnen vorhanden war und bei ganz wenigen urt\u00fcmlichen Vertretern noch auftritt. Aus diesem Spinnsieb treten aus feinsten Spinnspulen Tausende von Einzelf\u00e4den aus. Diese werden mit einem Kr\u00e4uselkamm (das ist eine Borstenreihe auf dem letzten Beinpaar; Calamistrum) aufgek\u00e4mmt, so dass eine feine Fangwolle entsteht. Sie hat eine um ein Vielfaches h\u00f6here Adh\u00e4sionskraft als z.B. die Leimf\u00e4den der Kreuzspinne und den Vorteil, dass sie nicht durch Verdunstung eines Klebstoffes h\u00e4ufig erneuert werden muss.<\/p>\n<p>Zum Schluss sei noch eine morphologische Absurdit\u00e4t bei <i>Hyptiotes paradoxus<\/i> erw\u00e4hnt. Alle Spinnenm\u00e4nnchen m\u00fcssen in Ermangelung eines Penis ihr Sperma indirekt \u00fcbertragen. Dies tun sie mithilfe von Kopulationsorganen an ihren Tastern \u2014 das sind Gliedma\u00dfen zwischen den Fangz\u00e4hnen und den Laufbeinen. Bei fast allen Spinnen besitzen diese Organe eine geringe bis m\u00e4\u00dfige Gr\u00f6\u00dfe. Bei <i>Hyptiotes<\/i> allerdings erreichen sie ein Volumen, das zusammen fast dem des gesamten Vorderleibes entspricht.<\/p>\n<p>Neben all ihren Besonderheiten ist die Dreiecksspinne auch eine gew\u00f6hnliche Spinne: sie ist weitverbreitet, kommt von Westeuropa bis nach Ostasien vor, ist in ganz Deutschland zuhause, so denn W\u00e4lder vorhanden sind, und selbst ihr Gattungsname (\u201edie auf dem R\u00fccken Liegende\u201c, \u201edie Tr\u00e4ge\u201c, auf ihre Ruheposition ansprechend) vermittelt etwas sehr Entspanntes \u2014 gleichwohl es zum \u00dcberleben wichtig scheint, sich anst\u00e4ndig zu tarnen und somit auch Ruhe zu halten. Der spezifische Namenszusatz \u201e<i>paradoxus<\/i>\u201c (\u201edie Merkw\u00fcrdige\u201c) macht dann wieder neugierig, mehr \u00fcber diese Spinne zu erfahren. Sollten Sie zur Reifezeit von <i>Hyptiotes<\/i> (Juli bis Oktober) ein paar Stunden er\u00fcbrigen k\u00f6nnen und ihrem geplagten R\u00fccken einen Spaziergang auf weichen und duftenden Fichtennadeln g\u00f6nnen, besuchen Sie doch mal die Dreiecksspinne in ihrer Welt!<\/p>\n<p>Peter J\u00e4ger<\/p>\n<h4>Kontakt Deutschland<\/h4>\n<p>Dr. Martin Kreuels, 48161 M\u00fcnster, Nordrhein-Westfalen (NRW), kreuels(a)aradet.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europ\u00e4ische Spinne des Jahres 2009<\/p>\n<p>Die Dreiecksspinne \u2013 <em>Hyptiotes paradoxus<\/em> C.L. Koch 1843<\/p>\n<p>Wahrscheinlich jeder kennt das typische Radnetz der Kreuzspinne. 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